Lagerrouten und Regeln in Odoo verständlich erklärt
Kurz gesagt
Eine Route in Odoo 20.0 (App Lager) ist eine Kette von Regeln, die festlegt, wie Ware zwischen Lagerorten bewegt wird: Pull-Regeln reagieren auf Bedarf, Push-Regeln auf eintreffende Ware. Für ein-, zwei- und dreistufige Wareneingänge und Lieferungen genügen die Lagerhaus-Einstellungen; eigene Regeln sind für Sonderabläufe gedacht.
Das Wichtigste
- Odoo 20.0 legt die Routen für Wareneingang und Lieferung (1, 2 oder 3 Schritte) aus den Lagerhaus-Feldern Wareneingänge und Warenausgänge selbst an; dafür sollen keine Regeln angelegt oder geändert werden.
- Zusatzrouten wie Auffüllung nach Auftrag (MTO) und Dropship gelten nicht automatisch, sondern werden Produkten, Kategorien oder anderen Datensätzen zugewiesen; Einkaufen und Fertigung wendet Odoo seit 19.0 je nach Produktkonfiguration selbst an.
- Auffüllung nach Auftrag (MTO) erzeugt in Odoo 20.0 bei jeder Bestätigung eines Verkaufsauftrags mit dem Produkt eine Anfrage oder einen Fertigungsauftrag, auch wenn genug Bestand vorhanden ist.
- Die App Lager (Inventory) ist laut Editionsseite von Odoo S.A. in Community und Enterprise enthalten.
Wer in Odoo mehr als einen Ein-Schritt-Ablauf im Lager führt, trifft in den Einstellungen und am Produkt auf den Begriff „Routen“. Dahinter steckt keine eigene Funktion, sondern eine Ordnung für Regeln: Sie entscheiden, ob Ware direkt vom Lager zum Kunden geht, über eine Bereitstellungszone läuft oder erst beschafft werden muss. Dieser Artikel zeigt, wo Sie nichts tun müssen und wo Routen wirklich anzulegen oder zuzuweisen sind.
Wie arbeiten Routen und Regeln zusammen?
Eine Route kombiniert Push- und Pull-Regeln. Das sind die Wirkungen nach der Dokumentation von Odoo 20.0:
- Pull-Regel (Aktion „Nehmen von“): bedarfsgetrieben. Sie greift erst, wenn am Ziellagerort Bedarf bestätigt ist, etwa durch einen Verkaufsauftrag oder eine Nachbestellregel.
- Push-Regel (Aktion „Schieben nach“): greift, sobald Ware am Quelllagerort eintrifft. Sie setzt voraus, dass schon ein Transfer entstanden ist.
- Pull & Push: legt beide Regeln mit gleicher Vorgangsart und gleichen Lagerorten an.
- Einkaufen und Fertigung: erzeugen bei Bedarf am Ziellagerort eine Anfrage beziehungsweise einen Fertigungsauftrag. Einkaufen setzt die App Einkauf voraus, Fertigung die App Fertigung.
Bei mehrstufigen Abläufen arbeiten beide zusammen: Die Pull-Regel nennt das endgültige Ziel und erzeugt den ersten Transfer, Push-Regeln bewegen die Ware durch die übrigen Stationen.
Welche Routen gibt es?
Zuerst die Standardrouten. Odoo erzeugt sie aus den Feldern Wareneingänge und Warenausgänge im Reiter Lagerhauskonfiguration (Lager ‣ Konfiguration ‣ Lagerhäuser) und wendet sie auf alle Produkte des Lagerhauses an. Voraussetzung in Lager ‣ Konfiguration ‣ Einstellungen: die Funktionen Mehrstufige Routen und Lagerorte (Storage Locations) sind aktiv. In der Tabelle steht WH für das Kürzel des Lagerhauses; die Lagerort-Namen sind wie in der Dokumentation angegeben.
| Ablauf | Route (Odoo 20.0) | Vorgänge, jeweils nach Validierung des vorigen |
|---|---|---|
| Wareneingang, 1 Schritt | Erhalt und Lagerung | Eingang: Lieferanten → WH/Stock |
| Wareneingang, 2 Schritte | Erhalt, dann Lagerung | Eingang → WH/Input; Einlagerung → WH/Stock |
| Wareneingang, 3 Schritte | Receive, Quality Control, then Store | Eingang → WH/Input; Qualitätskontrolle → WH/Quality Control; Einlagerung → WH/Stock |
| Lieferung, 1 Schritt | Liefern | Lieferauftrag: WH/Stock → Kunden |
| Lieferung, 2 Schritte | Kommissionierung, dann Lieferung | Kommissionierung → WH/Output; Lieferauftrag → Kunden |
| Lieferung, 3 Schritte | Kommissionierung, Verpackung, dann Lieferung | Kommissionierung → WH/Packing Zone; Verpackung → WH/Output; Lieferauftrag → Kunden |
Dazu kommen optionale Zusatzrouten. Die Dokumentation beschreibt sie als nicht automatisch angewendet; Einkaufen und Fertigung werden seit 19.0 allerdings je nach Produktkonfiguration (Einkauf, Stückliste) selbst angewendet und sind am Produkt standardmäßig ausgeblendet. Die übrigen müssen Sie zuweisen:
| Zusatzroute | Wirkung nach Dokumentation 20.0 | Voraussetzung |
|---|---|---|
| Auffüllung nach Auftrag (MTO) | löst je Auftrag eine Auffüllung aus statt vorhandenen Bestand zu nutzen; wirkt zusammen mit Einkaufen oder Fertigung; standardmäßig archiviert | Einstellung Auffüllung nach Auftrag (Auftragsfertigung) im Abschnitt Logistik |
| Einkaufen | erzeugt bei Bedarf eine Anfrage | App Einkauf; am Produkt die Option Einkauf aktiv und ein Lieferant |
| Fertigung | erzeugt bei Bedarf einen Fertigungsauftrag | App Fertigung; Stückliste am Produkt |
| Dropship | der Lieferant liefert direkt an den Kunden | – |
Zugewiesen werden Routen am Produkt (Reiter Lager, Abschnitt Vorgänge), an der Produktkategorie, an Verpackungen, an Liefermethoden und an einzelnen Verkaufsauftragszeilen; die Zeilen-Route überschreibt die Produktroute nur für diesen Auftrag. Eine Route erscheint dort nur, wenn sie unter Lager ‣ Konfiguration ‣ Routen im Feld Anwendbar auf freigegeben ist. Die Schaltfläche „Diagramm ansehen“ neben dem Routenfeld zeigt, welche Routen und Regeln für ein Produkt gelten.
Beispiel: Beschaffung auf Kundenauftrag
Beispiel mit erfundenen Angaben: Ein Handelsbetrieb liefert in drei Schritten aus (Kommissionieren, Verpacken, Liefern) und verkauft ein Regal, das er nur auf Kundenauftrag beim Lieferanten bestellt. Am Produkt sind die Option Einkauf, Auffüllung nach Auftrag und ein Lieferant mit Preis hinterlegt. Die Dokumentation beschreibt beide Teile getrennt; so greifen sie ineinander:
| Teil | Was geschieht | Auslöser nach Dokumentation |
|---|---|---|
| Beschaffung 1 | Der Verkaufsauftrag wird bestätigt. Odoo erzeugt eine Anfrage an den Lieferanten, mit Verweis auf den Auftrag. | MTO-Route am Produkt |
| Beschaffung 2 | Sie prüfen den Liefertermin des Lieferanten und bestätigen die Anfrage zur Bestellung. | manuell |
| Beschaffung 3 | Die Ware wird empfangen und mit Validieren ins Lager gebucht. | Eingang |
| Lieferung 1 | Die Pull-Regel der Lieferroute nennt den Kunden als Ziel und erzeugt den ersten Transfer, die Kommissionierung WH/Stock → WH/Packing Zone. | bestätigter Bedarf (Verkaufsauftrag) |
| Lieferung 2 | Nach Validierung folgen per Push-Regeln Verpackung (→ WH/Output) und Lieferauftrag (→ Kunden). | Push-Regeln |
Die beiden Ketten sind getrennt belegt. In welcher Reihenfolge die Vorgänge im Verkaufsauftrag entstehen und wann die Kommissionierung zur Bearbeitung bereitsteht, prüfen Sie in einer Testdatenbank; die Dokumentation von Odoo 20.0 beschreibt MTO und Mehrstufenlieferung nicht als einen gemeinsamen Ablauf.
Typische Fehler
Aus den Warnhinweisen der Dokumentation:
- Eigene Regeln für Standardstufen: Für 1-, 2- und 3-stufige Eingänge und Ausgänge sollen Sie Regeln weder anlegen noch ändern; Änderungen an Odoos Standardregeln können unerwartete Fehler in der Datenbank verursachen.
- MTO auf Lagerartikeln: Die Auffüllung entsteht bei jeder Bestätigung, auch bei ausreichendem Bestand. Für lagergeführte Artikel sind Nachbestellregeln der passende Weg (siehe Nachbestellregeln).
- Lieferant oder Stückliste fehlt: Die Dokumentation verlangt für gekaufte Produkte einen Lieferanten, damit Odoo die Anfrage ordnungsgemäß erzeugt, und für gefertigte Produkte eine Stückliste für den Fertigungsauftrag.
- Anfrage stornieren statt anpassen: Wird die durch MTO erzeugte Anfrage oder der Fertigungsauftrag storniert, erzeugt Odoo keinen Ersatz; ein von Hand angelegtes Ersatzdokument lässt sich nicht mehr über die Schaltfläche mit dem Verkaufsauftrag verbinden.
- Route nicht freigegeben: Eine Zusatzroute taucht am Produkt nicht auf, solange sie nicht für Produkte freigegeben ist.
So gehen Sie vor
- Legen Sie fest, wie viele Schritte Eingang und Lieferung brauchen, und stellen Sie sie im Lagerhaus ein. Mehr ist für Standardabläufe nicht nötig.
- Aktivieren Sie für Zusatzrouten Mehrstufige Routen und, falls nötig, Auffüllung nach Auftrag (Auftragsfertigung) in den Lager-Einstellungen.
- Prüfen Sie unter Konfiguration ‣ Routen, wo die Route anwendbar sein soll, und weisen Sie sie dem Produkt oder der Kategorie zu.
- Prüfen Sie mit „Diagramm ansehen“, welche Regeln für das Produkt gelten.
- Testen Sie mit einem Verkaufsauftrag in einer Kopie der Datenbank. Bei Odoo Online deaktiviert die voreingestellte Option „For testing purposes“ (so benannt in der Dokumentation) in der Kopie externe Aktionen (E-Mails, Zahlungen, Lieferaufträge); die Kopie läuft nach 15 Tagen ab, je Datenbank sind höchstens fünf Kopien möglich. Auf Odoo.sh sind Staging- und Entwicklungsdatenbanken neutralisiert; bei On-Premise lässt sich eine Datenbank beim Laden eines Backups neutralisieren.
Die deutschen Menünamen folgen der Übersetzungsdatei des Community-Quellcodes (Zweig 20.0); in Ihrer Datenbank können sie abweichen.